Kolumne von Jürg Grossen
Noch sind es wenige Unerschrockene, die sich für ein paar Schwimmzüge in die Aare wagen, doch im Sommer wimmelt es wieder von Bernerinnen und Touristen, die sich beim Aareschwumm vergnügen.

Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, war vor wenigen Jahrzehnten undenkbar. Noch in meiner Jugend hielten uns weisser Schaum und dringende Warnungen vom Eintauchen in viele Schweizer Gewässer ab.
Hier hat sich – auf Druck von Fischereiverbänden, Naturschutzorganisationen, der Wissenschaft und Bildern in den Medien – viel bewegt. 1986 hat der Bundesrat als erste europäische Regierung Phosphate in Textilwaschmitteln verboten. Zudem steckte die Schweiz Millionen in den Bau von Kläranlagen.
Heute zieht sich ein Netz von fast 60’000 Kilometern öffentlicher Kanalisationsleitungen und 750 Abwasserreinigungsanlagen (ARA) durch die Schweiz. 98% der Bevölkerung sind heute an einer ARA angeschlossen (siehe Grafik). Mit diesem Riesenprojekt ist gelungen, was viele nicht für möglich hielten, nämlich die Qualität unserer Gewässer markant zu verbessern. Ein gutes Beispiel für verursacheregerechten und wirksamen Umweltschutz.
Heute werden die kommunalen Abwässer also fast flächendeckend gereinigt – und das zu einem geringen Preis: 68 Rappen kostet uns die Abwasserreinigung pro Person und Tag laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu). Müsste man die Reinigungsinfrastruktur von heute auf morgen neu erstellen, kostete das rund 77 Milliarden Franken, wie das Bafu vorrechnet. Unsere Abwasserreinigung wird heute landesweit durch verursachergerechte Gebühren finanziert. Diese Gebühren decken die Kosten für Bau, Betrieb, Unterhalt, Sanierung und Ersatz von Abwasseranlagen.
Vergessen sind zwar die Bilder von weissem Schaum auf Seen und Flüssen, aber richtig «sauber» sind die Gewässer leider nicht. Mikroverunreinigungen belasten sie. Arzneimittel, Chemikalien und Reinigungsmittel gelangen in unsere Gewässer. Auch hier sind wir nicht machtlos: 2016 hat das Parlament beschlossen, den Bau einer zusätzlichen Reinigungsstufe für Mikroverunreinigungen an ausgewählten ARA mitzufinanzieren. 2024 waren rund 15 Prozent unserer Bevölkerung an eine modernisierte Reinigungsanlage angeschlossen. Bis 2040 sollen es 70 Prozent sein. Die Politik hat es in der Hand, bis 2050 alle nachrüsten zu lassen.
Doch schon stehen wir vor den nächsten Herausforderungen: Pestizide und Nährstoffe aus der Landwirtschaft wie Phosphor, Ammoniak, Nitrat und Mikroplastik belasten unsere Gewässer. Diese Kunststoffpartikel finden sich in unterschiedlichen Produkten.
Auch hier müssen Lösungen gefunden werden. Beispielsweise können dank neuen und resistenteren Pflanzensorten der Pestizidausstoss und der Eintrag von Nährstoffen reduziert werden. Auch die Belastung der Umwelt durch Kunststoffe muss markant sinken. Gemeinsam mit der Forschung müssen wir zum Beispiel mit neuartigen Pneus und weniger Reifenabrieb eine wichtige Quelle von Mikroplastik minimieren.
So schön unsere Natur, unsere Seen und Flüsse auch sind – und so gut es ihnen im Vergleich zu früher geht, wir haben noch viel Arbeit vor uns. Nun sind PFAS ein grosses Thema, nicht bloss in St. Gallen. Diese sogenannten Ewigkeitschemikalien sind kaum abbaubar. Sie reichern sich in Mensch und Tier an. PFAS steht in Verdacht, Krebs zu erregen. Doch nicht allein in der Ostschweiz gibt es Probleme mit diesen Ewigkeitschemikalien. Die St. Galler waren einfach die ersten, die ihr Fleisch daraufhin untersucht und bedenkliche Mengen davon gefunden haben.
Auch Hecht und Egli aus dem Zugersee dürfen derzeit nicht mehr verkauft werden. Die wasser- und fettabweisenden sowie hitzebeständigen PFAS werden noch immer für die Teflon-Beschichtungen von Pfannen verwendet, aber auch bei Backpapier, Outdoor-Bekleidung und in Löschmitteln findet man sie noch. In Zug geht man denn auch davon aus, dass PFAS vom Feuerlöschübungsplatz nahe des Sees ins Gewässer gelangt sind. Natürlich ist der Zugersee nicht der einzige Schweizer See, in dem die Fische mit PFAS belastet sind.
Gerade bei medizinischen Instrumenten scheint der Einsatz von PFAS derzeit noch alternativlos. Aber aus Backpapier, Pizzaschachteln, Lippenstiften und Zahnseide oder Skiwachs müssen PFAS nun sukzessive eliminiert werden. Hier ist die Politik gefragt.
Wir haben in der Vergangenheit bewiesen, dass wir viel bewirken, Probleme lösen und die Menschen und unsere Natur gleichzeitig schützen können. Tun wir das erneut! Wir bleiben weiterhin gefordert.
Ihre Meinung zu diesem Thema interessiert mich. Schreiben Sie per Mail an:
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Jürg Grossen ist seit 2011 Nationalrat und seit 2017 Präsident der GLP. Er ist Co-Geschäftsinhaber und VR der Firmen elektroplan Buchs und Grossen AG, ElektroLink AG und Smart Energy Link AG. Er präsidiert zudem den Fachverband Sonnenenergie Swissolar, den Elektromobilitätsverband Swiss eMobility und den Verein SmartGridready.
Jürg Grossen (56) ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und wohnt und arbeitet in Frutigen BE. Hobbys: Mountain-Bike, Skitouren, Fussball, Gitarre spielen, Reisen.





